Dr. Ulf Heimbach über die Angst vor der Stille und Wege aus der Flucht in die Arbeit.

Die Angst vor der Stille: Warum wir uns mit Arbeit betäuben

Das laute Rauschen des Funktionierens

Hast du schon einmal beobachtet, was passiert, wenn du in einem Raum sitzt und das einzige Geräusch – vielleicht das Summen eines Kühlschranks oder das Ticken einer Uhr – plötzlich verstummt? Es entsteht eine Sekunde der absoluten Leere, die fast körperlich spürbar ist. In unserer modernen Welt ist diese Art von Stille zu einem seltenen und oft bedrohlichen Gast geworden.
Die meisten von uns verbringen ihr Leben in einem permanenten Grundrauschen. Wenn wir morgens aufwachen, greifen wir als Erstes zum Smartphone. Im Bad läuft das Radio, auf dem Weg zur Arbeit ein Podcast, und im Büro herrscht das ständige Feuerwerk aus E-Mails, Telefonaten und Meetings. Selbst in unserer Freizeit „entspannen“ wir uns oft mit lautem Input: Netflix, soziale Medien, Musik.
Wir nennen das Fortschritt oder Vernetzung. Aber wenn wir ganz ehrlich zu uns sind, ist es oft etwas anderes: Es ist eine Flucht. Wir betäuben uns mit Lärm, damit wir die Stille nicht aushalten müssen. Denn in der Stille passiert etwas Unausweichliches: Wir begegnen uns selbst.

Warum die Stille uns Angst macht

Viele meiner Klienten kommen zu mir, wenn der Lärm nicht mehr ausreicht, um das innere Unbehagen zu überdecken. Sie sind an einem Punkt der Erschöpfung angekommen, an dem selbst der lauteste Podcast die innere Leere oder den wachsenden Druck nicht mehr übertönen kann.
Die Angst vor der Stille ist im Kern die Angst vor dem, was zum Vorschein kommt, wenn die Masken des Alltags fallen. Solange wir beschäftigt sind, solange wir „tun“, „planen“ und „optimieren“, haben wir eine Identität. Wir sind die Person, die gebraucht wird. Wir sind die Person, die liefert. Aber wer sind wir, wenn wir einfach nur da sitzen?
In der Stille meldet sich die Wahrheit. Dort spüren wir plötzlich den Kloß im Hals, den wir seit Wochen ignorieren. Dort merken wir, wie flach unser Atem eigentlich ist. Dort kommt die Frage hoch: „Ist das alles? Bin ich wirklich glücklich in diesem Hamsterrad?“ Die Stille ist wie ein klarer Bergsee: Man sieht bis zum Grund. Und manchmal ist das, was wir dort unten sehen – die aufgestaute Traurigkeit, die jahrzehntelange Müdigkeit oder die unterdrückte Wut – so beängstigend, dass wir lieber schnell wieder das Wasser aufwühlen.

Arbeit als Droge

In meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Coach habe ich gesehen, dass „Arbeitssucht“ oder „Überbeschäftigung“ oft die gesellschaftlich am meisten akzeptierte Form der Betäubung ist. Während andere zu Alkohol oder Medikamenten greifen, greifen wir zur To-Do-Liste. Wir schütten uns mit Aufgaben zu, weil das Gefühl, „gebraucht zu werden“, uns kurzzeitig über den Mangel an echtem Selbstwert hinwegtränkt.
Wir leisten, um nicht fühlen zu müssen. Wir rennen, damit die Erschöpfung uns nicht einholt. Es ist ein paradoxer Teufelskreis: Wir arbeiten so hart, um uns ein „gutes Leben“ zu ermöglichen, sind aber am Ende zu betäubt und zu müde, um dieses Leben überhaupt noch zu spüren. Wir funktionieren perfekt, aber wir leben nicht mehr.

Schritt 1: Den Widerstand aufgeben

Der Weg aus dieser Betäubung führt mitten durch die Angst hindurch. Der erste Schritt ist, den Widerstand gegen die Stille aufzugeben. Stille ist kein Feind, der dich vernichten will. Sie ist ein Raum, der darauf wartet, von deiner wahren Kraft gefüllt zu werden.
Wenn du das nächste Mal den Impuls spürst, in einer freien Minute sofort zum Handy zu greifen oder den Fernseher einzuschalten – halte kurz inne. Nur für drei Atemzüge. Spüre den Widerstand. Spüre die Unruhe, die in dir aufsteigt. Und dann sag dir leise: „Es ist okay. Ich darf jetzt einfach nur hier sein.“ Das Aufgeben des Widerstands bedeutet auch, die Erschöpfung anzuerkennen. Viele Menschen haben Angst, dass sie nie wieder aufstehen, wenn sie sich erst einmal hinsetzen. Aber die Kraft kehrt erst dann zurück, wenn der Kampf gegen die eigene Müdigkeit aufhört.

Schritt 2: Die Rüstung des „Starkseins“ ablegen

Wir alle tragen eine Rüstung. Wir haben sie uns über Jahre mühsam aufgebaut, um in einer leistungsgetriebenen Welt zu bestehen. Diese Rüstung besteht aus Sätzen wie: „Ich schaffe das schon“, „Indianer kennen keinen Schmerz“ oder „Morgen wird es besser“.
Diese Rüstung hat uns vielleicht weit gebracht. Sie hat uns geschützt, als wir uns unsicher fühlten. Aber jetzt ist sie zu schwer geworden. Sie trennt dich von den Menschen, die du liebst, und vor allem trennt sie dich von dir selbst. Wahre Stärke zeigt sich nicht darin, wie viel man aushalten kann, ohne zusammenzubrechen. Wahre Stärke zeigt sich in der Verletzlichkeit – in dem Mut, die Rüstung abzulegen und zu sagen: „Ich weiß gerade nicht weiter. Ich bin müde.“
In der Stille gibt es niemanden, den du beeindrucken musst. Es gibt keine Erwartungen, die du erfüllen musst. Dort bist du einfach nur du. Das ist im ersten Moment unheimlich, weil wir ohne unsere Rüstung oft das Gefühl haben, nackt und schutzlos zu sein. Aber erst ohne die Rüstung können wir wieder berührt werden – vom Leben, von Freude und von echter Verbindung.

Schritt 3: Die Stille als Quelle der Kraft entdecken

Wenn du beginnst, die Stille auszuhalten, wirst du eine erstaunliche Entdeckung machen: Die Leere, vor der du solche Angst hattest, ist gar nicht leer. Sie ist voller Energie.
Stell dir einen Akku vor, der ständig entladen wird, aber nie an der Steckdose hängt. Die Stille ist deine Steckdose. Es ist der Ort, an dem sich dein Nervensystem reguliert. Es ist der Ort, an dem deine Kreativität wohnt. Hast du dich jemals gefragt, warum die besten Ideen oft unter der Dusche oder beim ziellosen Spaziergang kommen? Weil dort der Lärm des Wollens kurz verstummt ist.
Wahre Kraft braucht keinen Aktionismus. Sie ist ruhig, fest und tief. Sie ist das Vertrauen, dass du getragen wirst, auch wenn du gerade nicht ruderst. Wenn du lernst, in der Stille zu verweilen, entwickelst du eine innere Stabilität, die nicht mehr von äußeren Erfolgen abhängig ist. Du wirst zum Beobachter deines Lebens, statt das Opfer deines Terminkalenders zu sein.

Ein neues Verständnis von Produktivität

Vielleicht fragst du dich: „Aber wenn ich nur noch in der Stille sitze, erreiche ich doch gar nichts mehr?“ Das Gegenteil ist der Fall. Wenn du aus der Stille heraus handelst, sind deine Taten präziser, kraftvoller und effektiver. Du verschwendest keine Energie mehr mit blindem Aktionismus. Du tust weniger, aber das, was du tust, hat Gewicht.
Produktivität bedeutet in diesem neuen Licht nicht mehr „mehr schaffen“, sondern „das Richtige mit der vollen Präsenz tun“. Und diese Präsenz findest du nur in der Stille.

Fazit: Dein Weg zurück

Die Angst vor der Stille ist letztlich die Angst vor der Freiheit. Denn wenn wir aufhören, uns mit Lärm zu betäuben, müssen wir die Verantwortung für unser eigenes Glück übernehmen. Wir können die Schuld nicht mehr auf den „Stress“ oder den „vollen Terminkalender“ schieben.
Ich lade dich ein: Such dir heute einen Moment der absoluten Stille. Fünf Minuten. Ohne Handy. Ohne Ziel. Setz dich einfach hin und schau, was passiert. Beobachte die Gedanken, wie sie kommen und gehen, wie Wolken am Himmel. Und spüre darunter die stille, unerschütterliche Kraft, die schon immer da war – und die nur darauf gewartet hat, dass du endlich aufhörst zu rennen.
Du musst nicht mehr stark sein. Du musst nur noch da sein.

Beiträge Einzelcoaching