Dr. Ulf Heimbach begleitet bei der Überwindung von Erschöpfung durch ständiges Wollen und zeigt Wege zu innerer Ruhe.

Die Erschöpfung des Wollens: Wie das Leben dich findet

Der unsichtbare Kampf gegen den Strom

Wir leben in einer Epoche des „Wollens“. Von klein auf wurde uns beigebracht, dass wir unseres Glückes Schmied sind. Wir setzen uns Ziele, wir visualisieren Erfolge, wir erstellen Meilensteinpläne und arbeiten verbissen an unserer Selbstoptimierung. Wir wollen die perfekte Karriere, die erfüllte Partnerschaft, den fitten Körper und den unerschütterlichen Seelenfrieden.
Doch hast du dich jemals gefragt, warum uns dieses ganze „Wollen“ so unsagbar müde macht?
Es ist die Erschöpfung eines Menschen, der versucht, einen Fluss flussaufwärts zu schieben. Wir wenden gigantische Mengen an Lebensenergie auf, um das Leben in eine Form zu pressen, die wir im Kopf entworfen haben. Wir kämpfen gegen Widerstände, wir erzwingen Ergebnisse und wir kontrollieren jedes Detail. Dieser ständige Kontrollmodus hält unser Nervensystem in einer dauerhaften Alarmbereitschaft. Wir sind wie Bogenschützen, die die Sehne niemals loslassen – immer unter Spannung, immer fixiert auf das Ziel. Kein Wunder, dass uns irgendwann die Kraft fehlt, den Pfeil überhaupt noch fliegen zu lassen.

Die Illusion der Machbarkeit

Das moderne Coaching-Paradigma verspricht uns oft: „Du kannst alles schaffen, wenn du es nur fest genug willst.“ Aber diese Botschaft ist eine schwere Last. Denn sie impliziert im Umkehrschluss: Wenn du es nicht schaffst, hast du nicht fest genug gewollt. Wenn du krank wirst, warst du nicht achtsam genug. Wenn dein Projekt scheitert, war deine Strategie falsch.
Diese Sichtweise ignoriert die Kraft des Lebens selbst. Das Leben ist kein Projekt, das man „managen“ kann. Es ist ein wilder, unvorhersehbarer Prozess. Indem wir versuchen, alles im Griff zu haben, bauen wir Mauern um uns herum. Wir lassen nur noch das zu, was in unseren Plan passt. Doch damit sperren wir genau das aus, was uns wirklich nähren würde: das Unerwartete, das Ungeplante, das Geschenk des Augenblicks.
Wahre Erfüllung findet man selten durch „Erreichen“. Man findet sie durch „Eintreten“. Wir müssen aufhören, das Leben wie einen Gegner zu behandeln, den man bezwingen muss, und anfangen, es als einen Partner zu sehen, dem man vertrauen kann.

Schritt 1: Die Grenzen der eigenen Kontrolle anerkennen

Der erste Schritt zur Befreiung ist die Demut. Es ist das Eingeständnis: „Ich habe nicht alles im Griff. Und ich muss es auch nicht haben.“
In dem Moment, in dem du akzeptierst, dass du nur einen winzigen Bruchteil deines Lebens wirklich kontrollieren kannst, fällt eine enorme Last von deinen Schultern. Das ist kein Aufgeben im Sinne von Resignation. Es ist eine Kapitulation vor der Realität. Du hörst auf, Energie in Kämpfe zu stecken, die du ohnehin nicht gewinnen kannst.
Vom Alles-im-Griff-haben zum Überrascht-werden: Was wäre, wenn du für einen Moment den Gedanken zulässt, dass das Universum (oder das Leben, die Natur, die Kraft) einen Plan hat, der viel größer und klüger ist als deine To-Do-Liste? Wenn du den Griff lockerst, entsteht Raum. In diesen Raum kann etwas fließen, das du dir mit deinem Verstand gar nicht hättest ausmalen können. Erfolg bedeutet dann nicht mehr, dass alles genau so gekommen ist, wie du es geplant hast – sondern dass du offen geblieben bist für das, was jetzt gerade geschehen will.

Schritt 2: Die Weisheit des Nicht-Tuns

In der fernöstlichen Philosophie gibt es das Konzept des Wu Wei – das Handeln durch Nichthandeln. Es bedeutet nicht, faul auf dem Sofa zu liegen, sondern im Einklang mit der natürlichen Bewegung der Dinge zu agieren.
Es ist wie beim Segeln: Du kannst nicht bestimmen, woher der Wind weht. Du kannst dich aber entscheiden, die Segel so zu setzen, dass du die Kraft des Windes nutzt, anstatt gegen ihn anzurudern. Die meiste Zeit unseres Lebens verbringen wir damit, die Segel einzuholen und zu versuchen, das Boot mit bloßen Händen durch das Wasser zu ziehen. Wir glauben, nur was wir mit Schweiß und Mühe erkämpft haben, ist wertvoll.
Die Übung des Abwartens: Ich lade dich ein, bei der nächsten großen Entscheidung nicht sofort in den „Lösungsmodus“ zu schalten. Warte ab. Spüre in dich hinein. Oft zeigt sich die Lösung von ganz allein, wenn wir aufhören, sie mit dem Kopf zu erzwingen. Die Kraft zeigt sich in den Momenten, in denen wir still werden und lauschen. Plötzlich kommt ein Anruf, eine Idee, ein Impuls – und alles fügt sich mit einer Leichtigkeit, die wir durch reines „Wollen“ niemals erreicht hätten.

Schritt 3: Vertrauen statt Strategie

Vertrauen ist das Gegenteil von Kontrolle. Kontrolle basiert auf Angst – der Angst, dass etwas Schlimmes passiert, wenn wir nicht aufpassen. Vertrauen basiert auf der Erfahrung, dass wir getragen werden.
Wenn wir die Erschöpfung des Wollens hinter uns lassen, wechseln wir das Betriebssystem unserer Seele. Wir gehen weg von der Angst-basierten Strategie hin zur Vertrauens-basierten Präsenz. Das bedeutet, dass wir nicht mehr für eine ferne Zukunft leben (das „Dann, wenn…“), sondern im Hier und Jetzt präsent sind.
In meinem Coaching unterstütze ich dich dabei, dieses Vertrauen wiederzufinden. Oft ist es unter Schichten von Enttäuschungen und Leistungsdruck vergraben. Aber es ist noch da. Deine Kraft ist unzerstörbar. Sie braucht keine Strategie, sie braucht nur Raum zum Atmen. Wenn du aufhörst, dich ständig zu bemühen, fängt das Leben an, durch dich zu wirken. Das ist der Moment, in dem die Müdigkeit weicht und eine neue, ruhige Kraft Platz greift.

Die Schönheit des Ungeplanten

Erinnere dich an die schönsten Momente deines bisherigen Lebens. War es der Moment, als du ein Ziel auf einer Liste abgehakt hast? Oder war es der Moment, als du ungeplant am Strand saßt und den Sonnenuntergang beobachtest hast? War es das geplante Meeting oder das zufällige Gespräch, das dein Herz berührt hat?
Das Leben findet in den Zwischenräumen statt. Es findet dort statt, wo unsere Planung versagt. Wenn wir die Erschöpfung des Wollens loslassen, werden wir wieder empfänglich für diese Wunder. Wir werden wieder wie Kinder, die nicht wissen, was hinter der nächsten Ecke wartet, aber voller Vorfreude darauf zugehen.

Fazit: Die Einladung an das Leben

Du darfst den Kampf beenden. Du darfst die Zügel lockerlassen. Dein Wert als Mensch hängt nicht davon ab, wie gut du dein Leben im Griff hast. Du bist ein Teil dieses großen, wunderbaren Prozesses, und du musst ihn nicht alleine steuern.
Lass die Erschöpfung des Wollens zu deinem Lehrer werden. Wenn du dich das nächste Mal völlig ausgebrannt fühlst, nimm es als Zeichen, dass du wieder einmal versucht hast, den Fluss zu schieben. Halte inne. Atme. Und sag leise zu dir selbst: „Ich lasse jetzt los. Ich bin bereit, mich überraschen zu lassen.“
In dem Moment, in dem du aufhörst zu suchen, fängst du an zu finden. In dem Moment, in dem du aufhörst zu jagen, wirst du gefunden. Von der Kraft, von der Liebe und von deinem eigenen, wahren Leben.

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